Der ganzheitliche Blick "hinter die Kulissen"

 „Der Sinn verdunkelt, wenn man nur kleine fertige Ausschnitte des Daseins ins Auge fasst.“ Zhuangzi

Liebe Leserinnen und Leser.

Kennen Sie das?

Sie leiten eine Abteilung Ihres Unternehmens. Eigentlich kommen Sie mit allen Kollegen gut zurecht. Nur scheinen die Mitarbeiter des Teams Ihre Anweisungen nie richtig zu verstehen. Aus Ihrer Sicht berechtigter Weise, besonders momentan, da das auf sein Ende zugehende Quartal mit bestimmten Ergebnisanforderungen zusammenhängt, regen Sie sich immer öfter darüber auf. Die Mitarbeiter reagieren. Einige melden sich auffällig häufig „krank“, manche scheinen komplett zu blockieren und nur noch körperlich anwesend zu sein und andere verlieren sich im Aktionismus - gefühlt ohne Ergebnisse zu erreichen. Und auch Ihnen geht es mit der Situation insgesamt nicht gut. Sie haben das Gefühl, zwanzig Bälle gleichzeitig in der Luft halten zu müssen und fragen sich, wo Ihre Zeit geblieben ist. In der Freizeit sind Sie gedanklich im Büro und fühlen sich chronisch erschöpft.

Warum versteht Sie keiner? Ist die Reaktion Ihrer Mitarbeiter eine Folge Ihres Handelns oder sind die anderen „schuld“ an Ihren Problemen? Was können Sie tun, wenn die Vorzeichen vermeintlich schlecht sind?

Unsere Antwort auf diese Fragen ist: gehen Sie doch mal einen Schritt zurück und schauen sich die Situation von außen an, aus einem anderen, entfernteren Blickwinkel. Vergleichen Sie diesen Blickwinkel dann mit Ihrem inneren Auge, das aus der Situation herausschaut. Sie werden erstaunt sein über die Erkenntnisse, die sich daraus ergeben.

Die ganzheitliche Herangehensweise mithilfe der „Vier-Quadranten-Sicht“

Jedem Menschen stehen in der Alltagsbetrachtung mehrere Blickwinkel zur Verfügung. Ein sehr gängiges Modell ist die Darstellung von Perspektiven in Quadranten (siehe Abbildung weiter unten). Bei der Unterscheidung von „Innen“ und „Außen“ und von „Individuum“ und „System“, ergeben sich die vier Quadranten der integralen Betrachtungsweise: Das „Ich“, das „Es“, das „Wir“ und das „Sie“. Überall, wo es ein Innen gibt, existiert auch ein Außen. Und überall, wo etwas Individuelles zu finden ist, erscheint auch etwas Kollektives. So hat jedes Ereignis eine innere individuelle (Intention), eine äußere individuelle (Verhalten), eine innere systemische (Kultur) und eine äußere systemische (Struktur) Perspektive.

Wenn wir von innen oder außen auf eine Situation schauen, dann nehmen wir uns selbst mit unserer Weltanschauung als Maßstab. Mit der Vier-Quadranten-Sicht versuchen wir, die Befindlichkeiten, die allgemeinen Umstände und das Wertesystem der von uns betrachteten Menschen zu beachten. Die Sicht aus allen vier Perspektiven führt zu Lösungsmöglichkeiten, die wir selbst verstehen und umsetzen können. Je nach Komplexität und eigenem Gefühl entsteht daraus neues Verhalten.

Der ICH-Quadrant – „meine Intention“

Der erste Quadrant, der uns – seit der Geburt – zur Verfügung steht beschreibt die individuelle innere Perspektive. In diesem sogenannten „Ich-Quadranten“ beschäftigen wir uns mit unserem Gefühl, unseren Bedürfnissen, Ängsten und Gedanken. Was treibt uns an? Säuglinge erleben die Welt ausschließlich aus dieser Perspektive, denn sie kennen noch keine andere – sie treibt der Hunger und der Drang zu überleben. Uns treibt mehr als das.

Wie fühlt sich der Abteilungsleiter in der oben beschriebenen Situation? Vielleicht sagt er sich: „Ich bin nervös, weil die Zahlen nicht stimmen.“, „Ich komme nicht zur Ruhe“, „Ich will in diesem Jahr noch eine Führungsebene und Gehaltsklasse höher steigen.“, „Die Konkurrenz schläft nicht!“, „Immer muss ich alles machen, die anderen sind unfähig.“, „Ich brauche Zeit für mich und meine Familie.“ oder „Ich brauche Sparring-Partner auf Augenhöhe.“

Was ändert sich, wenn wir von außen – oder er selbst von weiter weg – auf seinen Ich-Quadranten schauen? Und wie kann das helfen? Wir – oder er selbst – erkennen Unruhe und Stress. Wir sehen eine ehrgeizige, ungeduldige und getriebene Person, die unzufrieden und nicht resilient ist. Im Unterschied zum Blick von innen können wir von außen direkt erkennen, auf welche mögliche Weise sich diese Dynamik auf die Person und sein Umfeld auswirkt.

Die Erkenntnisse aus diesem Quadranten eröffnen dem Abteilungsleiter aus unserem Beispiel konkrete Handlungsoptionen: er kann sich eine Person suchen (z.B. einen Sparringspartner oder einen Coach), die ihn dabei unterstützt, innere Qualitäten wie Resilienz zu entwickeln und gelassener und strukturierter mit Situationen innerhalb wie außerhalb des Büros umgehen zu können.

Der ES-Quadrant – „mein Verhalten“

Der nächste Quadrant, den wir in der Entwicklung vom Säugling zum Kleinkind entdecken, ist der individuelle äußere. Für das Kleinkind bedeutet er das Verständnis darüber, dass es ein „Du“ gibt und die Erkenntnis, dass auf eine Aktion eine Reaktion folgt, dass Dinge Bedeutung haben, und Handlungen Folgen. Aus der rein subjektiven Wahrnehmung wird eine objektive. Dinge werden als solche erkannt und beschrieben („Der Ball ist rund“). Die „Wenn-Dann“-Logik wird aber zuerst nur aus der „Ich“-Perspektive betrachtet. Die Erkenntnis eines Kindes, dass der Gegenüber mit einem anderen Blickwinkel auf die Welt sieht oder aus anderen Beweggründen handelt als es selbst, entwickelt sich aber erst später.

Der Abteilungsleiter aus der einleitenden Geschichte weiß, dass sein Gegenüber über eine andere Wahrnehmung als er selbst verfügt. Wenn er also sein eigenes Verhalten betrachtet, entstehen Fragen wie: Welche meiner Aktionen führen zu welchen Reaktionen meiner Mitarbeiter? Und wie reagiere ich auf die Handlungen der anderen? Was könnte ich anders machen?

Was ändert sich, wenn wir von außen – oder er selbst von weiter weg – seinen Es-Quadranten hinterfragen? Kleidet er sich angepasst? Findet Kommunikation auf Augenhöhe oder von oben nach unten statt? Ist sein Verhalten authentisch? Wie geht er mit Dynamiken im Team um? Gibt es Rituale? Wie geht er „mit sich selbst“ um – mit Körper, Geist und Seele?

Die Erkenntnisse aus diesem Quadranten eröffnen dem Abteilungsleiter aus unserem Beispiel konkrete Handlungsoptionen: er kann sich um eine Weiterbildung (z.B. ein Management-Training) kümmern und seine Persönlichkeit weiterentwickeln (z.B. durch Meditation). Es geht vor allem darum, wichtige Fähigkeiten wie Empathie, Sozialverhalten, Ausstrahlung und Wissen zu entfalten.

Der WIR-Quadrant – „Kultur der Gruppe“

Auf dem Weg vom Kleinkind zu einem immer komplexer denkenden kleinen Menschen erreichen wir den Punkt, an dem wir unsere „Peer-Group“ wahrnehmen – die Familie, die Kindergartengruppe oder z.B. die Fußballmannschaft. Hier entsteht nicht nur die Erkenntnis, dass es eine innere systemische Perspektive gibt (das „Wir“), sondern dieses Wir gleichzeitig Moral- und Wertevorstellungen mit sich bringt.

Für den Abteilungsleiter stellen sich aus seinem Empfinden in der Gruppe zahlreiche Fragen: Wem fühle ich mich zugehörig? Was sind meine Beweggründe? Welche Moralvorstellungen habe ich? Welches Gefühl habe ich für die anderen? Haben wir alle einen gemeinsamen Sinn?

Was ändert sich, wenn wir von außen – oder er selbst von weiter weg – den Wir-Quadranten des Abteilungsleiters betrachten? Hat er sich schon einmal gefragt, wie mit Fehlern und Konflikten umgegangen wird? Dass Mitarbeiter, die sich häufig krankmelden oder nur körperlich anwesend sind, sich unter Umständen nicht mit einem gemeinsamen Sinn identifizieren? Hat er sich schon einmal gefragt, wie er Erfolge und auch Teilerfolge mit den anderen feiert? Herrscht eigentlich Akzeptanz, Loyalität und Respekt unter allen?

Die Erkenntnisse aus diesem Quadranten eröffnen dem Abteilungsleiter aus unserem Beispiel konkrete Handlungsoptionen: er kann einerseits in seinem eigenen Team für mehr Wir-Gefühl sorgen, indem er ein gemeinsames Essen oder Event plant oder einen Coach hinzuzieht und andererseits in seiner Organisation einen Wandel der Unternehmenskultur anstößt.

Der SIE-Quadrant – „Organisation der Gruppe“

Parallel zum Verständnis von „Wir“ entsteht die Erkenntnis, dass das Miteinander unter bestimmten Rahmenbedingungen und Strukturen besser funktioniert. Strukturen bieten Sicherheit und Halt: für Schule, Berufsausbildung und Studium, für Bewerbungsgespräche, für das gesellschaftliche Zusammenleben und Familienfeste sowie für Meetings, Zukunftsplanung und Entscheidungsfindung. Diese systemische Perspektive von außen stellt die vierte Perspektive dar.

Wie kann der Abteilungsleiter eine sachlich analytische Perspektive der Organisation aus seiner Sicht nutzen?

Welche Strukturen gefallen mir? Welche Strukturen blockieren mich? Und welche Strukturen fehlen?

Was ändert sich, wenn wir von außen – oder er selbst von weiter weg – auf den Sie-Quadranten (also den Abteilungsleiter in der Organisation) schauen? Wir können aufgrund der vorherrschenden Organisationsstruktur, dem gesamten Bild des Unternehmens und der Beobachtung von Prozess-Abläufen, Gruppen-Dynamik und Verhaltensweisen in Meetings und technischen Gegebenheiten darauf schließen, ob „größere“ Systeme die Führungskraft am Erreichen ihrer Ziele hindern (z.B. schlechte IT-Unterstützung, zu viel Bürokratie oder umständliche Prozesse).

Die Erkenntnisse aus diesem Quadranten eröffnen dem Abteilungsleiter aus unserem Beispiel konkrete Handlungsoptionen: er kann die Organisation entwickeln, insbesondere Rollen und Prozesse modernisieren.

Fazit

Die Vier-Quadranten-Sicht ist ein sehr effektives Werkzeug, um sich selbst und andere in komplexen Systemen strukturiert und klar zu erkennen und zu verstehen. Sie ermöglicht uns, mit unseren Mitmenschen in jeder denkbaren Situation besser umzugehen. Gleichzeitig entfaltet sie ihren Sinn, indem sie uns selbst stabiler und flexibler im (Berufs-)Leben aufstellt.

 

Abbildung: Beispiel-Darstellung der vier Quadranten eines Unternehmens.

 

Die vier Quadranten eines Unternehmens

 

Im nächsten Blog beschäftigen wir uns mit Feedback unter integralen Aspekten.

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