Homöostase

“Das Leben ist wie ein Fahrrad. Man muss sich vorwärtsbewegen, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren.“ Albert Einstein

Liebe Leserinnen und Leser.

Kennen Sie das? Sie bilden mit drei Kollegen seit Jahren ein eingespieltes Team und gemeinsam geht Ihnen die Arbeit wie von selbst von der Hand. Aber plötzlich stockt Ihr Arbeitsfluss. Es treten immer wieder kleine Probleme auf. Nichts Schlimmes, aber Sie benötigen mehr Zeit als früher, sind weniger produktiv, oft genervt und bisweilen sogar gestresst und jetzt hat auch schon der Chef gefragt, was mit Ihrem Team los sei. Natürlich entwickeln sich die Produkte ständig weiter, die Sie installieren, sie haben mehr Funktionen als früher. Aber andererseits ist die Bedienung auch einfacher geworden. Und die Arbeitserfassung im neuen System Ihrer Firma ist auch aufwendiger als früher auf den Laufzetteln. Andererseits können Sie jetzt direkt auf das Projekt buchen und müssen die Kundeninformationen nicht mehr notieren. Es ist einfach nicht greifbar, wo genau das Problem liegt. Also setzen Sie sich mit Ihren Kollegen und Ihrem Chef zusammen um zu überlegen, woran das liegen kann. Aber auch dabei kommen Sie nicht so recht weiter, weil sich eigentlich nichts verändert hat und auch immer andere Probleme auftreten. Ein Muster ist nicht erkennbar.

Wie können Sie herausfinden woran es liegt? Wer kann Ihnen dabei helfen? Oder brauchen Sie einfach noch einen weiteren Mitarbeiter, weil die Arbeit heute doch ein wenig komplexer geworden ist?

Unsere Antwort auf die Fragen ist: treten Sie einen Schritt zurück, betrachten Sie die Situation ganzheitlich und vertrauen Sie auf einen Mechanismus, den die Evolution hervorgebracht hat und der in der Lage ist, Systeme wieder ins Gleichgewicht zu bringen: die Homöostase.

Der Begriff Homöostase wurde 1929 in der Biologie eingeführt und beschreibt die „Aufrechterhaltung eines Gleichgewichtszustands“. Im Kern geht es dabei um die Fähigkeit eines Organismus, Ungleichgewichte bei sich selbst zu erkennen und gezielt gegenzusteuern. Es geht dem Lebewesen darum, sein inneres Milieu konstant zu behalten um zu überleben.

In der Systemtheorie bezeichnet Homöostase die Fähigkeit eines Systems, sich durch Rückkopplung selbst innerhalb gewisser Grenzen in einem stabilen Zustand zu halten. Lassen Sie uns das an Hand eines einfachen Beispiels erklären, das gut auf komplexere Systeme übertragbar ist – die Funktionsweise einer Heizung: denn hier sorgt der Thermostat dafür, dass die Zimmertemperatur praktisch konstant bleibt, indem er den IST-Wert der Zimmertemperatur misst, der sich aufgrund verschiedener Einflüsse verändert und bei Bedarf entsprechend nachsteuert. Die Heizung gleicht – mit ihrer Wirkweise, mehr oder weniger Wärme zu spenden – den entstandenen Temperaturunterschied aus, um den SOLL-Wert einzuhalten so gut sie kann. Die Raumtemperatur schwankt unentwegt aufgrund der Umwelteinflüsse. Das Thermostat reguliert somit dauerhaft und schafft es so, die Temperatur des Raumes bei geringen Abweichungen aufrecht zu erhalten. Das nennen wir „Flow“ oder auch „Fließgleichgewicht“. Homöostase ist also der Erhalt eines solchen Fließgleichgewichts im System, welches durch Rückkoppelungsmechanismen und ständigem Vergleichen von IST- und SOLL-Zustand stattfindet.

Da die Systemtheorie lediglich eine Theorie ist, die sich mit der möglichen Realität auseinandersetzt, dürfen wir jedoch nicht vergessen, dass wir uns mit Menschen befassen und mit offenen dynamischen Systemen. Wir befinden uns folglich in um ein Vielfaches komplexeren Wirkmechanismen und Wechselwirkungsketten, als ein Heizungssystem, da es immer mehrere Wirkungskreise gibt, die ineinanderfließen und sich gegenseitig bedingen. Die Reduzierung auf theoretische Zusammenhänge und die Möglichkeiten, die sich daraus ergeben, sind jedoch notwendig, um strukturierter mit Situationen umgehen zu können. Insofern ist Homöostase sozusagen die Hohe Schule der Selbstorganisation, die wir im letzten Artikel behandelt haben.

Die Selbstorganisation ist zunächst einmal die Fähigkeit eines Systems, sich selbst ohne direkte Steuerung von außen zu organisieren. Wir haben dabei die autogene (unbewusste) und die autonome (bewusste) Selbstorganisation unterschieden, in Abhängigkeit davon, wer oder was den Organisationsprozess initiiert. Offen geblieben ist dabei allerdings die Frage welchem Ziel diese Selbstorganisation dient. Solange es um klassische Herausforderungen in der Organisationsentwicklung wie z.B. die Optimierung eines Prozesses oder die Anpassung einer Rolle handelt, ist dieser – nennen wir ihn „unreflektierte“ – Organisationsprozess meist erfolgreich.

In unserem Beispiel ist das entstandene Ungleichgewicht in der Entwicklung des Unternehmens keine dieser „klassischen“ Herausforderungen. Vielmehr führen äußere Umstände dazu, dass die Prozesse und Rollen an sich immer noch passen, aber die Produktivität trotzdem nicht mehr da ist. Es kann sich dabei zum Beispiel um persönliche Probleme eines Mitarbeiters, veränderte Erwartungshaltung der Kunden oder neue vom Gesetzgeber eingeführte Regeln handeln, die sich auf Prozesse im Unternehmen auswirken.

Das Erkennen der dadurch entstehenden Regelkreise geht nur in der ganzheitlichen Betrachtung. Und sobald die Punkte sichtbar und bewusst sind, kann das Team sie angehen. Das Prinzip Homöostase kann dabei helfen, diese Punkte über Fragen und Feedbackschleifen sichtbar zu machen. Die Überlegungen beinhalten Fragen zur Kommunikation und Interaktion sowie zum Beziehungsverhalten einzelner Wirkmechanismen zueinander, wie zum Beispiel: Wie funktioniert das besagte System? Welche Regeln existieren innerhalb des Unternehmens? Wozu dienen die Verhaltensweisen der einzelnen Teilnehmer des Systems? Welche Wechselwirkungen sind erkennbar?

Wenn der „Thermostat“ unseres Beispiel-Unternehmens also die Produktivität misst und sie unter das SOLL-Maß rutscht, dann stimmt das Fein-Tuning nicht mehr. In der ganzheitlichen Betrachtung, die die Erwartungshaltungen und Rahmenbedingungen aller internen und externen Beteiligten einbezieht, ergeben sich Anhaltspunkte, die das System gezielt nutzen kann, um sich wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

Hat zum Beispiel ein Mitarbeiter familiäre Probleme aufgrund einer chronischen Erkrankung seiner Frau, ist er geistig abwesend und fehlt oft auch einen halben Tag, um seine Frau zum Arzt zu begleiten. In dem Team aus unserem Beispiel spielt er vielleicht eine wichtige Rolle als jemand, der Verantwortung für Entscheidungen des Teams übernimmt. Nun wird im Team auf ihn gewartet, bis solche getroffen werden. Dadurch verlangsamt sich der Prozess als Ganzes. Um den SOLL-Zustand zu erreichen, sollte ein weiterer Mitarbeiter sich zutrauen und motiviert werden, diesen Entscheidungsmut zu übernehmen. Veränderte Kunden-Erwartungen kann das Unternehmen zum Beispiel mit Qualitäts-Checklisten bei bestehenden Aufträgen oder mit Umfragen und klassischer Marktforschung herausfinden und sich dann gezielt den Gegebenheiten anpassen. Die klassischen eindimensionalen Betrachtungsweisen liefern oft kein ausreichend differenziertes Bild, um die Gesamtzusammenhänge zu verstehen. So kann es passieren, dass isoliert einzelne „Baustellen“ bearbeitet werden (zum Beispiel ein starker Fokus auf die internen Prozesse) und dabei der Blick für den Kontext (zum Beispiel sich verändernde Erwartungshaltungen der Kunden) verloren geht. Es geht in der Homöostase also nicht darum, einfache Muster zu erkennen. Vielmehr geht es darum, Veränderungen zu bemerken, zu messen und sich an sie in einer geeigneten Weise anzupassen, um das bestehende Gleichgewicht zu erhalten.

Dabei ist das Prinzip der Homöostase nicht nur auf einzelne Teams anwendbar, sondern auch auf das komplette Unternehmen: wie viel Ausgaben darf ein Unternehmen haben, um Gewinn zu generieren? Wie viele Mitarbeiter bedarf es, um einen Produktionsprozess komplett abzudecken, ohne dabei zu viel Last für den einzelnen Mitarbeiter zu haben und ohne gleichzeitig als Unternehmen zu hohe Mitarbeiter-Kosten zu haben? Wie viel Marktforschung ist sinnvoll? Wie viel Innovation? Wie viel interne Veränderung ist gut, um externer gesellschaftlicher Herausforderungen gerecht zu werden? Wie viel sollten wir uns um die Sorgen der einzelnen Mitarbeiter bemühen, um ihnen einen stabilen Arbeitsplatz erhalten zu können, in dem sie weiterhin ihren Beitrag leisten können?

Einen Teil dieser Frage betrachtet die klassische Betriebswirtschaft schon sehr lange – jedoch vollkommen isoliert. In den letzten drei Jahrzehnten sind Controlling-Modelle – wie zum Beispiel die Balanced Scorecard – entstanden, die zumindest die harten Faktoren in einem Gesamtkontext betrachten. Aus unserer Sicht sind die weichen Faktoren hierbei jedoch noch nicht ausreichend repräsentiert, obwohl die Bedeutung von „Humanressource“ an sich ja durchaus schon erkennbar ist.

Da ganzheitliche Modelle zwangsläufig sehr schnell eine hohe Komplexität erreichen, ist ein intelligenter Pragmatismus für den praktischen Erfolg unabdingbar. Hierbei hilft der Gedanke der Homöostase: bleibt ein Unternehmen in Bewegung und somit sein Fließgleichgewicht erhalten, reicht es ihm dauerhaft, eine gesunde Form der Mustererkennung anzuwenden, eine reflektierte Form der Selbstorganisation, in der die Unternehmensführung rechtzeitig erkennt, wann die Fragestellungen sich verändern sollten. Und umso mehr Entscheidungskompetenz nach unten verlagert und in den Teams auch erfolgreich wahrgenommen wird, umso dynamischer und schneller kann sich das Unternehmen im Ganzen bewegen – eben durch reflektierte Selbstorganisation.

Fazit

Homöostase ist ein wunderbares Beispiel dafür, dass wir in den Prozessen unserer Entwicklung – ob im Unternehmen, im Privaten oder in der gesellschaftlichen Entwicklung – ganzheitlich, achtsam und emphatisch miteinander umgehen sollten, um uns allen ein Gleichgewicht zu erhalten, das uns zu Stabilisierung und Verbesserung verhilft.

Suchen Sie neue Perspektiven? Wollen Sie Menschen bewegen? Streben Sie Nachhaltigkeit an? Sprechen Sie mit uns. Julia Hayden oder Jürgen Hein freuen sich jederzeit auf ein spannendes Gespräch.