Offene dynamische Systeme

„Ein System ist eine Ganzheit. Jedes Teil ist mit jedem so verbunden, dass jede Änderung eine Änderung des Ganzen bewirkt.“ Virginia Satir

Liebe Leserinnen und Leser,

Kennen Sie das?

Sie sitzen über einem Text für einen Artikel, den Sie zu einem Thema schreiben, das Ihnen sehr wichtig ist. Sie glauben, mehr darüber zu wissen als andere und freuen sich über sein Erscheinen im nächsten Blog auf Ihrer Website. Sie haben die Sichtweisen einzelner Wissenschaftler über diese Thematik längst gelesen - studiert, ja gelebt - und kennen die kontroverse Diskussion darüber. Beim Abendessen mit Freunden berichten Sie von Ihrem Vorhaben und eine wilde Unterhaltung entsteht. Sie werden immer nervöser, weil Sie merken, gar nicht so sattelfest zu sein, wie Sie vermutet haben. Das Essen schmeckt plötzlich nicht mehr, Ihr vegetatives Nervensystem liegt blank und Sie wollen nur noch nach Hause. Auf dem Heimweg übersehen Sie eine Geschwindigkeitskontrolle, so sehr sind Sie in Gedanken. Dieser Abend hat sich mal gar nicht gelohnt.

Wie kann ich Ihnen Dinge über dynamische Systeme erzählen, die Sie so noch nicht gehört haben? Wie kann ich Ihnen Freude schenken mit diesem Blog? Und wie Erkenntnis, die Sie für sich selbst und Ihre eigene Entwicklung nutzen können?

Dieses Mal möchte ich Ihnen nicht einfach nur meine Perspektive auf diese Fragen anbieten, sondern ich möchte Sie einladen auf eine kleine Reise durch mein System. Und ich möchte Sie animieren, sich dabei zu beobachten, was meine Erfahrungen bei Ihnen für Gedanken auslösen – mit anderen Worten, wie wir beide für ein paar Minuten ein System bilden.

Meine Begriffserklärung oder „Was Sie (vielleicht) schon wissen“

System = In der Systemtheorie wird ein System im Allgemeinen als die Gesamtheit dessen bezeichnet, was als eine Verbindung von – miteinander verbundenen und sich austauschenden – Elementen gilt. Ein System ist also ein Ganzes, das aus Teilen besteht, die sich in Wechselwirkung zueinander befinden. Diese „Teile“ können energetischer oder materieller Natur sein.

Dynamisches System = Wenn ein System durch eine Gegebenheit aus dem Gleichgewicht gebracht wird, schafft es das dynamische System durch Rückkoppelung (Feedback) wieder in den Zustand des Gleichgewichts zurück zu finden. Diese Dynamik betreffend wurden in der Systemtheorie – besonders für soziale und wirtschaftliche Systeme – sogenannte „Stabilitätsgesetze“ entwickelt.

Sozio-mechanisches System = Betriebliche Unternehmen, in denen Menschen Produkte erzeugen und Leistungen erbringen, werden durch Kommunikation der Mitarbeiter, Kunden und Lieferanten untereinander, durch Terminvereinbarungen und Rahmenbedingungen sowie die Nutzung von Technologien als sozio-mechanische oder auch „Mensch-Maschine-Systeme“ bezeichnet.

Redundanz = In der Systemtheorie spricht man davon, dass die Zunahme der Komplexität (= Entropie) von Systemen dazu führt, diese Komplexität zum Eingrenzen des Handlungsspielraums wieder zu reduzieren. Das macht der Mensch, indem er indem sogenannte „Sinnesgrenzen“ einführt.

 Mein Julia-Hayden-System oder „Was Sie (vielleicht) noch nicht wissen“

Meine Überlegungen beginnen bei der Definition von dynamischen sozio-mechanischen Systemen und der Entwicklung von Gesetzen zur Stabilitätserhaltung im Vergleich zu meinem eigenen System - dem, was ich „Leben“ nenne. Und zwar genau dann, wenn ich auf eine Aktion oder Situation reagiere und handle. Denn ich bin impulsiv und des Öfteren für mich selbst unberechenbar. Die Stabilitätstheorie geht allerdings davon aus, dass es je nach Kontext eine Anzahl an bestimmten vorgegebenen Verhaltensweisen auf bestimmte Situationen gibt. Das bedeutet also, es müsse eine Wenn-Dann-Logik oder ein dualistisches Schwarz-Weiß-Denken hinter meinem Handeln geben. Und wäre dann das System, in dem ich mich bewege, nicht plötzlich ein geschlossenes bewegungsloses System? Was wäre dann das Leben?

Aber lassen Sie mich mit dem System „Mensch“ beginnen, also mit uns allen. Wir sind, jeder für sich, ein dynamisches offenes System, das nicht nur in einem körperlich, geistig und seelisch unvollendeten Zustand auf die Welt gekommen, sondern auch im IST-Zustand nicht fertig ist und auch irgendwann „unfertig“ wieder gehen wird. Die Strukturen unseres Systems und ihre grundlegenden Funktionen werden jeden Tag „neu“ weiterentwickelt und ausgebildet. Das Zusammenspiel unserer Gene mit der Interaktion mit unserem System „Umwelt“, führt zu einer immer wieder neuen Organisation von Körper, Geist und Seele. Wir tauschen Energie, Stoff und Information mit unseren Mitmenschen aus, passen uns unserem Umfeld fortwährend an und verändern uns dabei stetig. Wir reagieren dabei nicht nur auf Reize, wir suchen sie sogar.

Um mein Julia-Hayden-System besser beschreiben zu können, habe ich mir als erstes eine Mind-Map gebaut, denn es ist sehr komplex. Es gibt Beziehungen zu Menschen und Abhängigkeiten von Terminen. Ich habe Bedürfnisse, die erfüllt sein müssen und Gegenleistungen, die ich für die Bedürfnisbefriedigung erbringen sollte. Und das alles sind vorerst nur die Überlegungen zum Kontext der eingangs beschriebenen Situation. Ich könnte auch bei der Geburt anfangen, dem Dorf, in dem ich aufwuchs oder bei jedem blauen Fleck, den ich mir in meinem Leben zugezogen habe.

Warum erzähle ich diese Geschichte oder „Was Sie sich (vielleicht) schon denken“

Dynamische Systeme begegnen anderen dynamischen Systemen. Menschen begegnen Menschen. Sie begegnen sich nicht nur oder tangieren sich, sondern sie interagieren, tauschen Stoffe, Energien und Informationen aus. Das bedeutet, dass wir mit jeder Aktion oder Reaktion etwas bewirken, was mindestens ein anderes System in seinem „Sein“ beeinflusst, zum Nachdenken oder zum Ändern von Verhaltensweisen veranlasst.  Wir haben also – jeder für sich – einen Einfluss auf die Entwicklung von Denk- und Handlungsmustern unseres Umfeldes und damit verbunden mit der Gestaltung unseres dynamischen Systems, der Gesellschaft, in der wir leben. Mit dem Einfluss kommt auch die Verantwortung. Zum einen ist es die Verantwortung für uns selbst. Zum anderen ist es die Verantwortung für unsere Umwelt. Wenn wir den täglich neuen Bedingungen und der Veränderung stabil begegnen, entfaltet sich unser Selbstbewusstsein und wir können unseren Teil zu einer zwanglosen, pragmatischen und offenen zwischenmenschlichen Interaktion beitragen. Damit etablieren wir Rahmenbedingungen, die sich frei, gerecht und richtig anfühlen. Der Hinweis, dass wir dabei allerdings nie stehenbleiben, erübrigt sich an dieser Stelle. Denn dynamische Systeme verändern sich fortwährend.

Eine harte Trennung von Privat- und Berufsleben ist nun nicht mehr denkbar, denn jede Interaktion steht in Wechselwirkung zu unserem System als Ganzes. Für ein integral geführtes Unternehmen ergibt sich aus dieser Erkenntnis noch mehr die Notwendigkeit, jeden Mitarbeiter in seinem gesamten Umfeld wahr-, ernst- und anzunehmen.

 Fazit

 Mein Fazit ist heute ein Dankeschön an alle, die bis hierher gelesen, hoffentlich ab und zu gelächelt und vielleicht sogar die ein oder andere Parallele gezogen haben. Es geht an alle, die Verantwortung für sich selbst und andere übernehmen. An alle, die ihre Wirksamkeit erkennen und sie für Freude, Gerechtigkeit und Freiheit in den Systemen einsetzen, auf die sie Einfluss haben.

Und Einfluss im Kleinen haben wir wohlgemerkt immer. Wenn wir handeln oder nicht handeln. Wenn wir sprechen oder schweigen. In der Familie, der Nachbarschaft, dem Freundeskreis, der Abteilung im Büro. Wir alle haben es in der Hand, das Rad immer wieder und Stück für Stück in eine andere Richtung anzustubsen.

 

Vielen Dank.

 

Im nächsten Blog erfahren Sie die Wirkweise von Selbstregulation in Systemen.

Suchen Sie neue Perspektiven? Wollen Sie Menschen bewegen? Streben Sie Nachhaltigkeit an? Sprechen Sie mit uns. Julia Hayden oder Jürgen Hein freuen sich jederzeit auf ein spannendes Gespräch.