Selbstregulation

„Ich bin frei, denn ich bin einer Wirklichkeit nicht ausgeliefert, sondern kann sie gestalten.“ (Paul Watzlawick)

Liebe Leserinnen und Leser,

Kennen Sie das?
Sie waren eigentlich bis heute recht zufrieden mit dem Unternehmen, in dem Sie arbeiten und auch in Ihrer Position. Aufgrund einer Neuausrichtung der Unternehmens-Strategie nähern sich jedoch zunehmend Veränderungen Ihrer altbewährten Arbeitsschritte und Rahmenbedingungen. Aufgaben innerhalb Ihres Teams werden umstrukturiert, Ihr Chef wechselt, ein neuer Mitarbeiter kommt in Ihre Abteilung. Und es kommt zu nie dagewesenen Konflikten und Machtkämpfen. Sie fühlen sich nah dran an einem Nervenzusammenbruch.

Wie schaffen Sie es, in diesem chaotischen System stabil zu bleiben? Was passiert mit Ihrem Umfeld, wenn sich alles ändert? Wie groß ist die Eventualität zu scheitern? Bleibt das Unternehmen stabil und ein Arbeitgeber, der Ihnen weiterhin ein sicheres Gefühl gibt?

Unsere Antwort auf die Fragen ist: Keine Sorge. Ihr eigenes System verfügt – so wie auch das System Ihrer Mitmenschen – über großartige Mechanismen der Selbstregulation. Solange Sie achtsam und behutsam mit sich selbst und den anderen umgehen, schaffen Sie es, eine stabile Position in der Veränderung einzunehmen.

Was ist Selbstregulation?

In der Psychologie bezeichnet Selbstregulation den Einsatz verschiedener Fähigkeiten, die uns Menschen (sowohl bewusst als auch unbewusst) zur Verfügung stehen, um unsere Aufmerksamkeit, Emotionen, Impulse und Handlungen – basierend auf Feedback von anderen oder durch Selbstwahrnehmung – steuern zu können.

Die Bedeutung des Begriffes ist für jeden von uns eine andere. Für manche Menschen ist Selbstregulation ein wichtiger Anker, um die Hindernisse des eigenen Lebens mit Bravour zu überstehen. Für andere Menschen kann sie sich wie Einschränkung, übertriebene Kontrolle oder der Zwang zur Selbstoptimierung anfühlen. Selbstregulation verhält sich also wie alle anderen Dinge des Lebens auch: zu viel davon kann Zwangsverhalten auslösen – zu wenig davon kann in Antriebslosigkeit enden. Die richtige Dosis an Selbstregulation aber bringt viele Vorteile mit sich, die sich direkt auf unsere Resilienz, unsere Selbständigkeit und unser Sozialverhalten auswirken.

Lust und Kontrolle

Selbstregulation besteht gemeinsam mit anderen Mechanismen unseres Systems stark aus dem Zusammenspiel zweier großartiger Zentren im Gehirn, dem Nucleus accumbens und der Amygdala, die wir umgangssprachlich auch mit „Engelchen und Teufelchen“ bezeichnen.

Nucleus accumbens und Amygdala sind Teile des meso-limbischen Nervensystems. Das bedeutet, sie sind Teile unseres Unterbewusstseins (limbisches System), die in direkter Verbindung zu bewussten Denk- und Fühlmechanismen (Mesencephalon = Mittelhirn) stehen. Sie steuern so unsere unterbewussten angeborenen Impulse, indem sie zeitgleich dazu auf neu erlernte emotionale Informationen zurückgreifen können. Der Nucleus accumbens ist unser sogenanntes „Lustzentrum“ er steuert das Belohnungssystem und ist für unser Suchtverhalten zuständig. Die Amygdala im Gegenzug ist unser Vernunftzentrum, sie unterstützt mit ihrer Funktion dabei, Gefahren zu erkennen und zu bewerten, Affekte und Bedürfnisse, die vom Lustzentrum und anderen Systemen kommen, einzuordnen und sie leitet vegetative Reaktionen dazu ein.

Ein Ungleichgewicht der beiden Zentren kann folglich zu dem oben genannten „zu viel“ führen. Zwanghafte Kontrolle auf der einen Seite oder Antriebslosigkeit auf der anderen.

Planen, Überwachen und Überprüfen

Es geht also in der Selbstregulation vor Allem darum, unseren affektartigen Impulsen der Lust und der Bedürfnisbefriedigung mit einer gewissen Selbstbeherrschung zu begegnen. Damit ist die Fähigkeit gemeint, kurzfristigem Verlangen zu widerstehen, um sich auf etwas größeres Nachhaltiges zu konzentrieren. Hierbei übernehmen unsere Selbstreflexion, Bewusstheit und auch die Geduld, auf etwas warten zu können, anstatt sich auf das erstbeste Ergebnis zu stürzen, eine wichtige Rolle.

Besonders in Stresssituationen, nach Niederlagen oder Schicksalsschlägen ist das Zusammenspiel der einzelnen Fähigkeiten der Selbstregulation wichtig und reguliert unsere Emotionen. Die Selbstbeherrschung, die wir erlangen, lässt uns immer wieder aufstehen und weitermachen.

Und Selbstregulation kann sogar noch mehr. Wir stehen fortlaufend im Zwiespalt zwischen unseren eigenen und den uns umgebenden sowie gesellschaftlichen Bedürfnissen, Emotionen und Werten und beschäftigen uns regelmäßig mit unterschiedlichen Situationen, Meinungen und Erwartungen. Wenn wir Selbstregulation im richtigen Maße anwenden, können wir flexibel bleiben, uns immer weiterentwickeln, abwägen und anpassen.

Wie uns Selbstregulation hilft.

Unsere Fähigkeit zur Selbstregulation verschafft uns also viele Vorteile.

  • Wir können unsere Emotionen kontrollieren und mit Stress, Ärger, Wut, Frust und Angst umgehen. Das ist sehr hilfreich für zwischenmenschliche Beziehungen und Kommunikation im privaten sowie beruflichen Bereich unseres Lebens.
  • Wir schaffen es, auf nervlich zerreißende Situationen zwischen uns und unserem Chef, Kunden oder Arbeitskollegen mit einer gewissen Gelassenheit und Ruhe zu reagieren, indem wir uns auf unsere Resilienz besinnen und achtsam mit uns selbst umgehen.
  • Wir können eine Extremsituation dazu nutzen, uns unserer Kräfte bewusst zu werden und die Emotionen, die daraus entstehen zu katalysieren und daraus Stärke und Energie für den Weg zum Erfolg zu gewinnen.
  • Wir wachsen mit jedem Einsatz unserer Impulskontrolle zu einer noch fokussierteren, konzentrierteren und wacheren Persönlichkeit. Die „Steine“, die uns im Weg liegen, machen sich also eines Tages bezahlt.

Unserer Meinung nach liegt das größte Potenzial der Selbstregulation darin, dass sie uns die Türen zu Glück und Zufriedenheit öffnen kann. Denn Selbstregulation macht uns zu Entscheidern über den nächsten Schritt, über die nächste Reaktion auf Unerwartetes und somit über den weiteren Verlauf unseres eigenen Lebens. Wenn wir nicht die Fehler machen, unsere eigene Weiterentwicklung äußeren Einflüssen unterzuordnen, sondern stattdessen in Einklang mit denselben selbstbestimmt agieren.

Selbstregulation unterstützt uns also dabei, großartige Prozesse unserer Entwicklung anzustoßen und zu erleben sowie gleichzeitig die Entwicklung unseres Umfeldes mit zu beeinflussen. In einem beruflichen Entscheidungsprozess können wir zum Beispiel gelassener und überlegter vorgehen, üben somit Einfluss auf die gesamte Teamentwicklung aus. Entsteht ein Konflikt, begegnen wir diesem mit einer hohen Frustrationstoleranz und können aus der selbstregulierten Position heraus empathisch agieren. Wir finden heraus, wie wir das, was für uns richtig und wichtig ist, was wir also für unser zufriedenes Leben brauchen, moralisch für die Gesellschaft mitverantworten können.

Wir schaffen es folglich ob unserer eigenen Fähigkeiten, mit Veränderungen und chaotischen Systemen so umzugehen, dass wir stabil bleiben, wenngleich es nicht ausgeschlossen ist, dass wir Ziele nicht so erreichen, wie wir sie ursprünglich geplant hatten. Denn wir sind flexibel und können unsere Emotionen kontrollieren sowie Glaubenssätze und Verhalten verändern, so dass alte Ziele passend in neue umformuliert werden können. So ist es uns auch möglich, als Mitarbeiter von Unternehmen im Wandel, immer wieder neue Sicherheit zu erlangen. Und gleichzeitig ist es uns möglich, zu erkennen, ob wir uns mit der neuen Unternehmensstrategie identifizieren können oder ob wir uns – selbstsicher wie wir sind – auf die Suche nach etwas Anderem machen.

Fazit

Wir Menschen sind phänomenale Lebewesen. Egal aus welcher Perspektive betrachtet, von der Betrachtungsweise auf molekularer bis hin zu Verhaltensbeobachtungen auf grobstofflicher Ebene sind wir imstande, nicht nur am Leben teilzunehmen und uns unserer Umwelt anzupassen, sondern auch unser „Spielfeld“ von Tag zu Tag neu zu beurteilen, neu zu wählen und neu zu gestalten. Einen Anteil daran hat unsere Fähigkeit, Bedürfnisse und Impulse verstehen, kontrollieren und lenken zu können: unsere Selbstregulation.

Im nächsten Blog erfahren Sie mehr über die Selbstorganisation von Systemen. Besuchen Sie auch die Website unserer Blog-Autorin: www.julia-hayden.de.

Suchen Sie neue Perspektiven? Wollen Sie Menschen bewegen? Streben Sie Nachhaltigkeit an? Sprechen Sie mit uns. Julia Hayden oder Jürgen Hein freuen sich jederzeit auf ein spannendes Gespräch.