Willkommen im 21. Jahrhundert – Teil 2

Liebe Leserinnen und Leser,

im letzten Blog-Post haben wir begonnen, die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts unter psycho-sozialen Faktoren zu betrachten und uns ein gemeinsames Verständnis darüber zu bilden, was uns antreibt oder blockiert. Da wir davon überzeugt sind, dass genau das – die Bewusstheit über die eigene Situation und über die Systeme in denen wir uns wiederfinden – der erste Schritt zu einer Veränderung ist, möchten wir diese Bewusstheit im heutigen Blog-Post erneut aufgreifen und den Prozess der Veränderung genauer beleuchten. Denn wer für sich selbst einen ersten Schritt in eine neue Richtung vornimmt, verändert damit automatisch auch die Systeme, in denen er sich befindet. „Der Weg ist das Ziel“, sagte schließlich schon Konfuzius.

Wann genau ist es sinnstiftend, sich oder eine Gegebenheit zu verändern? Und unter welchen Rahmenbedingungen ist diese Veränderung mit möglichst geringem Aufwand durchführbar? Wie schaffen wir es, uns selbst auf dem Weg der Veränderung treu zu bleiben und gleichzeitig das Wohlergehen des Kollektivs, also des Unternehmens, zu berücksichtigen?

Ich möchte heute die drei psycho-sozialen Faktoren anhand der Beispiele von letztem Monat erneut aufgreifen. Denn es sind meiner Meinung nach die wichtigsten der vielen Faktoren, die uns heutzutage fordern: Chaos durch die immer größer werdende Komplexität, ein erhöhter Leistungsdruck und zu wenig „freie“ Zeit. Und obwohl Achtsamkeit ein immer mehr von uns verwendeter Begriff geworden ist – viele von uns sogar schon Erfahrungen in Meditationskursen, im Yoga, in Mindfulness-Training oder in anderen Achtsamkeits-Seminaren gesammelt haben – schaffen wir es meist nicht, wirkliche Achtsamkeit zu leben.

Kognitiv verstehen wir wohl alle, worum es geht. Emotional fühlen wir wohl auch alle unser Bedürfnis, um das es geht. Faktisch aber fehlt es uns an Kraft, an Energie, an Motivation, diese Achtsamkeit wirklich zu praktizieren. Es hapert am Umsetzen, am Machen.

Der erste Schritt – Bewusstheit

Um uns und unsere Lebensbedingungen tatsächlich verändern zu können, bedarf es als erstes der Bewusstheit über unser eigenes Tun sowie unsere Sorgen und Bedürfnisse. Bewusstheit erlangen wir dadurch, dass wir „achtsam“ mit unseren Gefühlen, Gedanken und Handlungen umgehen. Aber was genau bedeutet „achtsam“? Aus unserer Sicht bedeutet es, sich und seine Gefühle in seinem konkreten Lebens- und Arbeitsumfeld zu hinterfragen: Was bereitet uns Bauchschmerzen? Warum beißen wir uns die Fingernägel kaputt? Wann haben wir die Tüte Gummibärchen geleert, die doch gestern noch geschlossen auf dem Schreibtisch lag? Was verursacht die schlaflosen Nächte? Wie fühlt sich Stress an? Und wie Glück?

Bauchschmerzen bereitet meinen Kollegen zum Beispiel die Kundenkommunikation. „Kannst Du die Mail an die Kundin für mich durchlesen, bevor ich sie abschicke?“, ist eine oft gestellte Frage. Fingernägel beißen kann eine Folge von innerer Unruhe und Nervosität sein. „Ich muss heute einen Vortrag vor dem Vorstand halten und erklären, warum wir im Projekt noch nicht so weit wie erwartet sind.“, ist ein mögliches Szenario. Wir schaufeln unaufmerksam Gummibärchen in uns hinein, wenn wir unter Druck stehen. „Die bevorstehende Prüfung bereitet mir große Sorgen.“, könnte ein passender Gedanke sein. Die Symptome körperlicher und psychischer Art sind unmittelbare Folgen von Stress, Angst und Unsicherheit aufgrund von Chaos, Druck und Zeitmangel. Wir können sie wahrnehmen und ihnen achtsam – mit Bewusstheit – begegnen.

Der Veränderungsprozess

Die Herausforderung der Veränderung beginnt also schon damit, sich seiner Stressoren und den daraus folgenden persönlichen Verhaltensmustern überhaupt bewusst zu werden. Um unsere aktuelle „Funktionsweise“ verstehen und annehmen zu können – und damit überhaupt die Basis für eine Veränderung zu schaffen – benötigen wir eine, sinnvollerweise sogar zwei, sehr wesentliche Voraussetzungen: einerseits uns selbst als aufmerksame, selbst-reflektierte, resiliente und verantwortliche Person, die ihren gesunden Menschverstand gern und intensiv nutzt. Und andererseits ein oder mehrere Menschen in unserem Umfeld, die uns durch Vertrauen, ehrliches Feedback und konstruktive Begleitung einen Raum schaffen, indem wir uns frei von alten und noch ohne neue Konventionen sicher bewegen können. Denn erst, wenn wir ehrlich zu uns selbst sind und unsere Eigenwahrnehmung halbwegs zur Fremdwahrnehmung der Vertrauensperson(en) passt, haben wir eine Ausgangsbasis erreicht, die Veränderung wirksam möglich macht.

Fähigkeiten wie Verantwortung, Selbstreflektion, Resilienz und Menschenverstand – also emotionale Intelligenz – sind dabei sehr wichtig für uns in Veränderungsprozessen. Wenn wir bewusst Verantwortung übernehmen, verpflichten wir uns gegenüber uns selbst und anderen. Wir können jedoch nur so viel Verantwortung tragen, wie wir diesen Verpflichtungen auch realistisch gerecht werden können. Und wie viel das ist, hängt insbesondere von unserer Resilienz ab. Umso resilienter wir sind, umso mehr können wir unsere bestehenden Grenzen überschreiten und uns neues Terrain erschließen. Unsere emotionale Intelligenz verhilft uns schlussendlich noch dazu, in der Veränderung mit unserem Umfeld effektiv zu kommunizieren, Hilfe zu erfragen und anzunehmen.

Neben unseren eigenen Fähigkeiten möchte ich auch den zweiten Aspekt beleuchten, der uns hilft Veränderungen gut begegnen zu können: Mitmenschen, die uns unterstützen und Rahmenbedingungen, die uns absichern und den Rücken freihalten. In Unternehmen ist an dieser Stelle Leadership gefragt. Leadership bedeutet hier insbesondere, das System zu überwachen und stabil zu halten während es sich bewegt. Es geht darum, dauerhaft einen Rahmen zu gewähren, indem Menschen ohne Angst neue Verhaltensweisen ausprobieren und manifestieren können. Der Raum, der hieraus entsteht ist dabei nicht starr, sondern dynamisch und flexibel. Er wird von der Führungskraft so angepasst, dass er möglichst optimal zu den Menschen passt, die sich in ihm weiterentwickeln.

Wir können folglich uns beängstigende Herausforderungen zu freudigen Ereignissen verändern, indem wir unsere Bauchschmerzen wahrnehmen, die Gummibärchen mit unseren Kollegen teilen und die Fingernägel in Ruhe lassen, weil wir selbst über individuelle Fähigkeiten zur Bewältigung von Veränderungen verfügen und eine „gute“ und „stille“ Führung im Unternehmen haben, die sowohl dem Individuum als auch der Firma als Ganzes „dient“.

Besonders erfolgreich sind Veränderungen dabei immer dann, wenn ausreichend Kommunikation stattfindet und gemeinsame Ziele und Werte gefunden werden. In der dynamischen, offenen, schnellen und von unendlichen technischen Möglichkeiten geprägten Zeit, in der wir leben dürfen, spielt die Kultur also weiterhin eine zentrale Rolle für das Wohlbefinden und den Erfolg von uns Menschen. Die Herausforderung liegt darin, Bewährtes zu erhalten, gleichzeitig zu erkennen, was sich nicht bewährt und Neues zu erschaffen. Wenn wir es „richtig“ machen, die Dosis achtsam wählen, den Verlauf beobachten und sanft steuern, dann erfordert es wenig Aufwand, es passiert „wie von selbst“. Das Team kann zu einer „neuen“, gesunden, nachhaltigen und im Wert wachsenden Gruppe werden, in der die Gemeinschaft des Individuums mehr Möglichkeiten des Mitwirkens bekommt, in der diejenigen, die „mehr“ haben an jeglichen Ressourcen – sei es Energie, Kraft, Wissen oder Macht – es sinnvoll schaffen, diese für das Kollektiv einzusetzen.

Bewusstheit – der nächste erste Schritt

Wir haben uns also bewusstgemacht, wie sich Stress anfühlt. Stress ist der von zu vielen Gummibärchen auf einmal aufgeblähte Magen, Stress ist das nervöse Gefühl, das uns die Fingernägel zerkauen lässt.

Und wie fühlt sich nun Glück an? Nehmen Sie die Herausforderung an und begegnen Sie der nächsten Herausforderung mit Selbstreflektion und Kommunikation! Dann dürfen Sie es fühlen. Jeder fühlt es anders, jedes Mal ist es anders. Zumindest nach meiner eigenen Erfahrung...

Eine sehr alte und zugleich sehr wesentliche Erkenntnis in diesem Prozess ist, dass er nie abgeschlossen ist. Wir werden nie fertig sein. Es gibt immer wieder Situationen, auf die wir mit Stress reagieren – und spätestens, wenn wir uns neue Herausforderungen suchen oder die Veränderung der äußeren Rahmenbedingungen so groß wird, dass unsere alten Verhaltensmuster nicht mehr funktionieren. Ich bin der Überzeugung, dass es zu einer hilfreichen Bewusstheit gehört, sich auch darüber bewusst zu sein, sich mit dem Gedanken zu versöhnen, nie perfekt zu sein. Und wer, anstatt sich mit großer Anstrengung perfektionieren zu wollen, sein Leben lebt und sich dabei selbst beobachtet, kann sich immer mit genau den Themen beschäftigen, die ihn gerade am ehesten weiterbringen. Das ist Bewusstheit auf allen Ebenen.

Fazit

Bewusstheit über seine eigenen Gefühle und Wahrnehmungen, über die eigene Situation in den Gruppen, in denen man sich regelmäßig bewegt und über den eigenen Veränderungsprozess ist ein Schlüsselelement zu Freude am Leben und zu effektiver Weiterentwicklung. Die Menschen zu finden, die einen dabei effektiv begleiten, ehrlich und zugleich einfühlsam sind, macht diesen Prozess erst richtig lebenswert und richtig erfolgreich.

Ist nicht ein freier Rahmen freundlicher als erdrückende Freiheit? Ist nicht kreative Leichtigkeit schöner als intelligenter Schwermut? Ist nicht gelassenes Seele-baumeln schöner als gestresstes Zeit-sinnvoll-nutzen? Das waren die letzten Fragen aus dem ersten Blog dieser Serie. Nehmen Sie auch diese Fragen mit auf Ihrer Reise, Veränderungen zu begegnen in diesem 21. Jahrhundert.

Im nächsten Blog wird es um Digitalisierung und die Herausforderungen gehen, die sich aus der Entwicklung der Technologie für uns ergeben.

Suchen Sie neue Perspektiven? Wollen Sie Menschen bewegen? Streben Sie Nachhaltigkeit an? Sprechen Sie mit uns. Julia Hayden oder Jürgen Hein freuen sich jederzeit auf ein spannendes Gespräch.