Willkommen im 21. Jahrhundert

Liebe Leserinnen und Leser,

während ich im Zug auf dem Weg von München nach Berlin bin, kommt mir der Gedanke, unseren Blog verändern zu wollen. Die Fahrt nutze ich zum Sinnieren und Schreiben. Mir fällt ein, dass mich vorgestern, am Sonntag, eine E-Mail an den beruflichen Account erreichte, den ich selbstverständlich auch am Wochenende regelmäßig kontrolliere. Ein Angestellter schrieb, um mich zu informieren, dass er in den kommenden drei Tagen im Home-Office sein würde, sein Hund hätte Durchfall. Erst gestern kam eine Mitarbeiterin zu mir und fragte mich, ob sie eine halbe Stunde früher gehen könne. Grund sei ein Gespräch mit der Lehrerin ihres Sohnes, der Aufmerksamkeitsschwierigkeiten in der Schule habe. Der Termin sei zwar erst nach der Arbeitszeit, jedoch würde sie gerne noch eine halbe Stunde zwischen Arbeit und Gespräch haben, die sie für eine Meditation nutzen wolle. Und gerade eben, bevor ich anfing, diesen Artikel zu schreiben, löschte ich 27 E-Mails aus dem Spam-Ordner. Fast hätte ich die Erinnerung an die am Donnerstag um 23 Uhr stattfindende Telefonkonferenz mit Kollegen aus Amerika auch gelöscht. Nur fast.

Längst gehören all diese Phänomene in unseren Alltag. Home-Office aus dem Zug oder vom Flughafen aus; über den Globus verteilte Telefon-Konferenzen; der Bedarf nach Räumen zum Krafttanken, für Ruhe und Meditation; ein Blick auf die E-Mails zu jeder Tages- und Nachtzeit; Nachrichten, die ohne gelesen zu werden, gelöscht werden können; Bürozeiten, die um Hunde und Kinderkrankheiten „herumgebaut“ werden.

Nachdem wir uns in den letzten Blogs mit Systemen – und hier primär mit der Theorie ebendieser – befasst haben, wird unser Thema für die nächste Zeit das 21. Jahrhundert mit seinen konkreten Herausforderungen sein. Was bedeutet es zum Beispiel für jeden Einzelnen von uns an unseren Arbeitsplätzen, ein gedeihliches und ertragreiches Miteinander zu gestalten? Inwiefern ist es eine Herausforderung für Inhaber von Unternehmen, ein Fließgleichgewicht im Sinne jedes Einzelnen und der Unternehmensziele zu schaffen und zu erhalten? Was für Vor- und Nachteile ergeben sich aus der Digitalisierung? Wie sorgt unser Privatleben stets für immer neue Überraschungen und Herausforderungen? Und wie nehmen wir unsere Umwelt wahr und mit, in all dem persönlichen Chaos?

Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Lesen.

Eine typische Arbeitswelt

Der Druck ist spürbar. Der Teamleiter fragt nach Umsatz, den wir erst generieren können, wenn die Mitarbeiter vor uns ihren Teil im Prozess dazu beitragen, dass wir in unserer Rolle wirken können. Sie sitzen im Büro nebenan, wir könnten einfach rübergehen und nachfragen, doch einige unserer Kollegen sind nur zu bestimmten Stunden anwesend, denn sie sind in Teilzeit angestellt, andere arbeiten heute von zu Hause aus und wieder andere haben vor unserem Anliegen noch eine eigene Prioritätenliste abzuarbeiten.

Es herrschen gefühlt Chaos, Unzuverlässigkeit und Misstrauen. Und wir können nur versuchen, den Überblick für uns selbst zu behalten, um den sogenannten „psychosozialen Faktoren“, die unser Zusammenleben und -arbeiten untereinander täglich neu beeinflussen, nicht zum Opfer zu fallen. Ich möchte Ihnen heute – stellvertretend für eine mir unbekannte Menge – drei dieser psychosozialen Faktoren vorstellen und dabei gleichzeitig mit den Glaubenssätzen unserer Gesellschaft ins Gericht gehen.

Das einengende Chaos

Die komplexe und agile Welt, in der wir leben, scheint immer noch komplexer und agiler zu werden. Manchmal versinken wir geradezu im Chaos. Da wir bei econix immer wieder experimentieren mit Selbstorganisation, mit „Raum schaffen“ und mit Versuchen, Hierarchie-Ebenen zu verschieben, wissen wir, wie wichtig klar nachvollziehbare Strukturen, Rituale, Rahmenbedingungen und Regeln sind. Jede Veränderung, die wir innerhalb eines Teams anstoßen, führt zu Beginn zu angsterfüllten Blicken und Panik. Die plötzliche Unsicherheit über neue Prozesse, deren Struktur noch nicht voll ausgearbeitet ist und sich „im Verlauf des Auftrags“ erst zur Fertigstellung entwickeln soll, wirkt eher demotivierend als förderlich. Wenn nicht feststeht, wer die Verantwortung trägt, lassen die Mitarbeiter kurz vor Abschluss eines Projektes alles stehen und liegen, um lieber etwas Neues zu beginnen. Das führt unter Umständen sogar dazu, dass fast fertige Aufträge liegen bleiben und Rechnungen zu spät gestellt werden. Aus diesem Grund empfinde ich Regeln, Rahmenbedingungen und Strukturen als wichtiger denn je, auch wenn sie von vielen verächtlich belächelt werden und wir uns sogar teilweise bevormundet vorkommen, sobald wir damit konfrontiert werden. Chaos ist nicht grundsätzlich unser Feind, denn daraus entsteht ein natürliches Bedürfnis nach Struktur. Und Rahmenbedingungen sind nicht grundsätzlich etwas Bevormundendes oder Einengendes, denn sie bedeuten oft die Befreiung aus dem uns blockierenden Chaos, sorgen folglich für Resilienz, Weitblick und Freiheit. In unserem eigenen Unternehmen merken wir, dass unsere Mitarbeiter erheblich gelöster auftreten und wirken können, sobald ein Rahmen feststeht, in dem sie sich frei fühlen und bewegen können.

Ist nicht ein freier Rahmen freundlicher als erdrückende Freiheit?

Der uns überfordernde Druck

Eine Bekannte von mir ist geschieden, ihr Ex-Mann ist unzuverlässig, er unterstützt sie weder finanziell noch tatkräftig. Bei zwei Kindern im Grundschulalter mit einer Tochter, die eine Leserechtschreibschwäche und erhöhten Förderbedarf hat, ist das schon für gewöhnlich eine komplizierte Situation. Nun arbeitet diese Bekannte in zwei Jobs gleichzeitig, damit sie ihren Kindern und auch sich selbst das Leben bieten kann, das sie möchte. Sie springt von Familienpflichten zu beruflichen Aufgaben und vergisst dabei sich selbst. Noch dazu ist sie sehr anspruchsvoll an sich und steht unter dauerhaftem Druck, perfekt sein zu wollen als Mutter, als Mitarbeiterin, als Frau. Sie hat fortwährend Sorgen existenzieller Art, Angst, den Job zu verlieren und Sport treibt sie nicht, weil sie Spaß daran hat, sondern weil sie „muss“. Letzte Woche habe ich mit Ihr telefoniert und sie hat mir erzählt, dass ihr Allgemeinharzt sie vorläufig für vier Wochen krankgeschrieben hat. Er begründet es mit „Burn-Out“. Es tue ihr sehr leid, aber der Arzt sagt, die Gesundheit geht vor.

In unserer Gesellschaft sind Worte wie Erfolg, Leistung und Effizienz allgegenwärtig. Der Druck, der für jeden von uns dahintersteht, wird erst dann bemerkt, wenn unsere Leistung nicht mehr ausreicht, wenn der Erfolg ausbleibt oder die Effizienz unserem Energiehaushalt entgegenwirkt. Bis wir dann begreifen, dass andere Dinge wichtiger gewesen wären als nur „gut“ zu funktionieren, haben wir auch schon dafür gesorgt, dass unsere Kinder in der Schule mit eben denselben Mechanismen konfrontiert wurden und es um gute Noten, um Intelligenz und um einen Konkurrenzdruck der Kinder untereinander geht. Wer Studieren will, braucht ein gutes Abitur und wer aufs Gymnasium will, muss schon in der Grundschule an den schönsten Sommertagen am Schreibtisch im Zimmer verweilen, anstatt mit seinen Freunden im naheliegenden Wald herumzutoben. Auch wir kennen diesen uns eigens auferlegten Druck und leiden darunter, erfolgreich, leistungsorientiert und effizient sein zu sollen und zu wollen. Am meisten leidet unser Selbstwertgefühl.

Ist nicht kreative Leichtigkeit schöner als intelligenter Schwermut?

Das Dilemma Zeit

Es ist Freitag. Und Feierabend. Auf dem Weg nach Hause telefoniere ich mit einem Bekannten und frage ihn, was er Schönes vorhat am Wochenende. „Wochenende?“ fragt er und lächelt müde. Dann holt er tief Luft und erklärt mir, dass ein Stapel Papiere auf ihn wartet, seine Frau Gäste für Samstag eingeladen hat, die er nicht leiden mag, für die er aber extra den Garten auf Vorzeigemodus herrichten muss und dass zu allem Übel seine Tochter auch noch eine sicher furchtbare und langweilige Theateraufführung im Kindergarten hat, die mit nervigen Gesprächen unter Eltern einhergehen wird. „Sie ist die Sonnenblume.“ beendet er den Monolog mit erkennbar genervter Stimme.

(Frei-)Zeit ist Mangelware geworden. Zusammenhängend mit der immer komplexer werdenden Welt und dem Druck, Leistung erbringen zu müssen, um unser Gehalt ausgezahlt zu bekommen. Gefühlt haben wir äußerst selten eine Pause. Und wenn dann doch, dann können wir diese Pausen nicht mehr mit Qualität füllen. Es bleibt dann meistens dabei, „nichts“ zu tun, denn für mehr ist keine Energie vorhanden. Wir fühlen uns schlapp und müde, nehmen nicht mehr an Aktivitäten mit Freunden teil, die positive zwischenmenschliche Interaktion bleibt auf der Strecke. Wir erkennen längst nicht mehr, wann „zu viel“ zu viel ist. Es ist meiner Meinung nach die Notwendigkeit dafür gegeben, uns selbst und anderen Freizeit zu schenken, „Seele baumeln“ nicht mit „verlorene Zeit“ zu bezeichnen und uns selbst die Erlaubnis zu geben, einfach nur zu sein.

Ist nicht gelassenes Seele-baumeln schöner als gestresstes Zeit-sinnvoll-nutzen?

Was machen wir daraus?

Ich bin mir sicher, viele von Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, erleben genau das gleiche bei sich selbst und in ihrem Umfeld regelmäßig. „Das weiß ich doch schon alles, aber dadurch ändert sich ja auch nichts“, ist eine häufige Reaktion in Gesprächen zu diesen Herausforderungen.

Wir sind jedoch fest davon überzeugt, dass genau das der erste Schritt zu einer Veränderung ist: Bewusstheit. Bewusstheit über die eigene Situation und über die Systeme in denen man sich wiederfindet, in der Firma, in der Familie, in der Schule, im Freundeskreis oder im Sportverein. Oft ist es problemlos möglich, kleine Veränderungen vorzunehmen, wenn man nur gerade dran denkt. Und wer für sich selbst eine Veränderung vornimmt, verändert damit automatisch auch die Systeme, in denen er sich befindet.

Veränderungen können von allen Beteiligten an einem System ausgelöst werden, in Firmen zum Beispiel sowohl von den Führungskräften als auch von den Mitarbeitern. Besonders erfolgreich sind Veränderungen dabei immer dann, wenn ausreichend Kommunikation stattfindet und gemeinsame Ziele und Werte gefunden werden. In der dynamischen, offenen, schnellen und von unendlichen technischen Möglichkeiten geprägten Zeit, in der wir leben dürfen, spielt die Kultur also weiterhin eine zentrale Rolle für das Wohlbefinden und den Erfolg von uns Menschen.

In den nächsten Monaten werden wir in unserem Blog verschiedene konkrete Situationen genauer betrachten und wirksame Lösungsansätze erörtern. Wollen Sie sich an der Diskussion beteiligen? Schreiben Sie uns!

Fazit

Psychosoziale Faktoren wie Chaos, Druck und Zeitmangel sorgen im schlimmsten Fall im zwischenmenschlichen Miteinander für Streit, Unruhe, Unzuverlässigkeit und Misstrauen bis hin zu Krankheit und Erschöpfungs-Syndrom des Einzelnen. Wir können gemeinsam für Bedingungen sorgen, unser Zusammenarbeiten für jeden schön und ergiebig zu gestalten sowie Freude und Energie zu erhalten, indem wir freie Rahmen schaffen, zu kreativer Leichtigkeit ermutigen und uns gegenseitig erlauben können, ab und zu die Seele baumeln zu lassen.

Im Laufe der nächsten Blogs erfahren Sie mehr darüber, wie wir den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts begegnen und welche konkreten Lösungswege wir finden können.

Suchen Sie neue Perspektiven? Wollen Sie Menschen bewegen? Streben Sie Nachhaltigkeit an? Sprechen Sie mit uns. Julia Hayden oder Jürgen Hein freuen sich jederzeit auf ein spannendes Gespräch.